4 Trails - 4 Tage Qualen und Spaß
von Matthias Stahl
Als Westerwälder Läufer kennt man Hügel. Klar, Hügel sind noch keine Berge. Aber als halbwegs trainierter Hobbyläufer wird man einen Etappenlauf mit eher überschaubaren Tagesdistanzen doch gut überstehen können?! Nach meiner Teilnahme am Stilfserjoch-Marathon im letzten Jahr hätte ich es besser wissen müssen. Zwar gab es keine 42 km und auch deutlich weniger Höhenmeter zu bewältigen, aber dafür galt es, bei den 4 Trails vier Tage in Folge ca. 23 - 25 km und 1.300 - 1.550 hm zu schaffen. Optimistisch meldete ich mich also für die 4 Trails an. Im Folgenden meine Erfahrungen.
Etappe 1: Seefeld - Leutasch
Das Roadbook, das jeder Teilnehmer bei der Registrierung erhält, verrät es: Die erste Etappe wartet direkt mit einem knackigen Anstieg auf. Ungewohnt vollgepackt mit dem Pflichtequipment und bewaffnet mit Trailstöcken muss zum Einrollen ein flacher Kilometer durch die Seefelder Ortsmitte reichen. Dann geht es teils über Skipisten mehr als 900 hm hinauf auf das Seefelder Joch, nur um von dort direkt wieder steil bergab zu laufen. Spätestens hier erkenne ich, wer wirklich Trailläufer ist. Von hinten kommen einige Läufer schnell heran, schießen geradezu an mir vorbei und stürzen sich über den schmalen, felsigen Wanderpfad in Richtung Tal.
Meine volle Konzentration ist auf diesen Pfad gerichtet und so kann ich das herrliche Panorama leider nicht richtig genießen. Auf einem breiten Forstweg kann man anschließend für ca. 3 km "rollen lassen" und sich auf die zweite Verpflegungsstation freuen. Die Freude währt nur kurz, denn von dort aus geht es über 600 hm hinauf zum Hohen Stich, den zweiten großen Anstieg des Tages. Am schwierigsten wird jedoch der anschließende Downhill, denn aufgrund der ungewohnten Belastung drohen 5 km vor dem Ziel Krämpfe in den Oberschenkeln. Durchbeißen ist angesagt - ein kurzer giftiger letzter Hügel wartet noch, aber dann passiere ich den Zielbogen nach 3:25 h, Platz 49 in der Wertungskategorie Men.
Etappe 2: Leutasch - Wildermieming
Nominell sollte die zweite Etappe leichter werden, doch der Zustand nach dem Aufstehen wäre mit Muskelkater deutlich zu verharmlosend beschrieben. Bevor Gedanken an einen entspannten Urlaubstag aufkommen können, geht es auch schon los.
Der erste Abschnitt bis zur Verpflegung 1 war bis auf kurze Stücke tatsächlich laufbar. Doch dann folgt ein 700 hm-Anstieg, der es in sich hat: Die steile Steigung, kniehohe Felsstufen, Geröll - kurz gesagt eine einzige große Anstrengung. Die eigentliche Schinderei folgt aber wieder beim anschließenden Abstieg. Stufen, Steine, Wurzeln - Auge sei wachsam!
Aufgrund der Ermüdung machen die Beine nicht mehr das, was der Kopf ihnen sagt. Stolpler inklusive Umknicken sind die Folge, ein Sturz bleibt zum Glück aus. Nach der lange ersehnten Verpflegung 2 geht es noch 5 km teils sehr steil bergab. Mit einsetzendem Regen und wieder kurz vor krampfenden Beinen erreiche ich das Ziel in Wildermieming nach knapp 3:29 h. Erleichtert, denn immerhin die Hälfte der 4 Trails sind geschafft.
Etappe 3: Wildermieming - Nassereith
Bereits am Vorabend wurde aufgrund der schlechten Wetterprognose die Strecke der dritten Etappe geändert: 2 km und 250 hm weniger kommen mir jedoch nicht ungelegen. Die zwei Etagen Treppensteigen zum Frühstück erinnern mich nämlich schmerzhaft an die beiden vergangenen Tage.
Grau ist es auf dem Weg mit dem Shuttle zum Start und auf den ersten Kilometern setzt der Regen ein. Wider Erwarten komme ich jedoch mit meinen Beinen ganz gut klar und so geht es nach der V1 in den heutigen Aufstieg (ein zweiter fällt der Streckenkürzung zum Opfer), der der anspruchsvollste der gesamten 4 Tage ist: 800 hm hinauf zum Stöttltörl durch loses Geröll und kleine Schneefelder. Kurz vor dem höchsten Punkt heißt es "Pflichtausrüstung anlegen!". Gemeint sind Regenjacke und Mütze - bei Regen, gefühlten 3°C und starkem Wind keine schlechte Idee...
Der anschließende flowige Downhill entschädigt für die großen Mühen, denn hier kann auch ich als ungeübter Trailrunner mal laufen lassen und überhole beim dem Ritt über Stock und Stein den ein oder anderen Läufer. Trailrunning macht also doch Spaß. ;-)
Auch die letzten 7 km nach der V2 laufen ohne Probleme und dank der negativen Höhenmeter lag die Pace teils deutlich unter 5 min/km - ein Tempo, das ich fast nicht mehr kannte. Nach 2:54 h komme ich völlig durchnässt aber zufrieden ins Ziel: noch 1 Tag...
Etappe 4: Nassereith - Imst
Verwundert stelle ich fest, dass die Beine nicht so schmerzen wie an den zwei Tagen zuvor. Entweder wissen die beiden, dass die letzte Etappe bevorsteht oder sie haben sich ihrem Schicksal ergeben. Und so bin ich zuversichtlich als ich mit dem Shuttle zum Start in Nassereith fahre.
Die Zuversicht weicht als ich auf den ersten zwei flachen Kilometern spüre, dass die Schmerzen im rechten Knie größer sind als befürchtet. Doch bevor ich mich damit befassen kann, befinde ich mich schon in einer Kette aus Trailrunnern, die sich über den Wanderpfad den steilen Berg hinauf arbeitet. Die erste Verpflegung befindet sich bei Km 7. Schnell ein Becher Cola, ein Stück Orange, den linken Schuh festzurren und weiter geht's durch matschige Abschnitte im wolkennassen Wald. Noch einmal 200 hm auf 500 m Wegstrecke und der höchste Punkt des heutigen Tages ist erreicht: Streckenchef Martin Hafenmair feuert hier jeden einzelnen Läufer an: Noch 15 km bis ins Ziel.
Auf dem Downhill versuche ich laufen zu lassen, hole mir beim Unterqueren eines umgefallenen Baums jedoch eine leichte Zerrung im Hintern und freue mich anschließend, als es auf den letzten 10 km nicht mehr so steil bergab geht. Als ich das 5km-Schild erreiche, weiß ich, dass ich ein Finisher der 4 Trails sein werde. Ab hier war ich die Strecke am Vortag bis ins Ziel spaziert und kannte also jede verbliebene kleine Steigung. Die letzten Meter durch die Innenstadt versuche ich irgendwie zu genießen, doch die Freude kommt erst auf, als ich die Ziellinie überquere.
Epilog
Ohne bislang andere Events zu kennen, würde ich die 4 Trails weiterempfehlen: eine perfekte Organisation, professionelle Rennunterlagen, üppige Verpflegungsstationen, eine abwechslungsreiche und sehr gut markierte Strecke und nicht zuletzt lauter nette Helfer - mein Lob an die Veranstalter!
95 km mit mehr als 5.000 hm: Für andere Teilnehmer wäre das als Tagesveranstaltung normal. Für mich als Neuling in 4 Tagen schon eine Herausforderung, die ich erfolgreich hinter mich gebracht habe. Deshalb freue ich mich, als abends auf der Abschlussparty auch mein Name unter allen 444 Finishern vorgelesen (!) wird und ich mir das Finishershirt überziehen darf.
Die Absicht des Hauptsponsors Salomon mit im Gegensatz zu anderen Events überschaubaren Etappen neue Läufer für das Trailrunning zu begeistern, ist bei mir jedenfalls aufgegangen. So liege ich am Abend im Bett und während die Beine dann doch etwas schwer werden, denke ich nach: über all die Rennen, über die die erfahrenen Läufer bei der Finisherparty sprachen - wie man das wohl mit einem Urlaub verbinden könnte? :-)
Endergebnis:
Platz 50 / 98 Kategorie Men, Platz 105 / 427 insgesamt